Als ich zum ersten Mal den Seminarraum für das Seminar „Ethik der Fürsorge“ betrat, hätte ich nie gedacht, dass ich ein zweiter Blog, den ich ins Leben rufen sollte. Mir war klar, dass ich Arbeit haben würde, vor allem Lesestoff: Das passt gut, denn dafür bin ich ja hier! Jedoch versetzte mich der Gedanke, jede Woche eine bestimmte Anzahl von Wörtern in einer Fremdsprache zu schreiben, die ich noch nicht wirklich beherrsche, in ein unangenehmes Grübeln. Ich war völlig verloren: Zumindest glaubte ich das zwei ganze Wochen lang, bis dieses Wochenende.
À la bonne heure!, kann ich jetzt schreien – jetzt dass die allgemeine Idee dieser Billett in meinen Kopf erscheint. Sowie muss ich nicht umhin, eine gewisse Ironie in dieser Angst vor dem Schreiben zu sehen, die angesichts des Themas dieses Blogs von vornherein etwas Zirkuläres an sich hat – zumal laut Tronto « The first step that citizens need to take, and the one that requires considerable bravery, is for each person to admit human vulnerability ». Ich für mich selbst zunächst meine eigene Verletzlichkeit eingestehen, zu meinen Erfahrungen und Gedanken in Worte zu fassen, von denen ich stark bezweifle, dass sie irgendeinen Wert haben könnten. Dennoch habe ich so zumindest einen Ausgangspunkt, soweit das Thema dieses Blogs durch die Geste des zögerlichen Tippens auf der Tastatur verdoppelt.
Trotz allem betrachte ich diese Unsicherheit des Schreibens nicht als Mangel, sondern vielmehr als eine grundlegende Situation, die jeder bereits erfahrt. Ich sitze zum Beispiel an meinem Büro, dann schreibe ich. Die Bewegung meiner Hand zeichnet die Buchstaben nach und eilt meinen Gedanken oft voraus. Als würde sie ins Leere geschleudert und gegen meinen Willen gleitet diese Hand über das Blatt. Sie verbindet die gegenüberliegenden Ränder mit einem Strich voller Wut oder Sanftheit, oder sie hämmert auf die Tastatur ein wie in einem Anfall verbaler Raserei, oder sie streichelt sie, als ginge es darum, den Text selbst zu verwöhnen, oder das Wesentliche, oder das Überflüssige, oder die sinnvolle Idee, oder den Unsinn, der eine Stimmung wiedergibt: Sie tut all das mit einer Anmut, die mir entgeht.
Sie sucht nach der präzisen Formulierung, die mir selbst unbekannt war, und trotz allem entdeckt sie, um nichts von der Idee zu verlieren, die bald von einer anderen verdrängt werden wird. So gibt es tief in meiner Hand einen unüberwindbaren Automatismus, der jeder Reflexion vorausgeht. Würde ich hingegen versuchen, sie durch Prinzipien oder eine Theoretisierung im Vorfeld meines Tuns zu disziplinieren, würde mir das nicht gelingen: Das hieße, das Endergebnis zu zensieren. Ich muss sie also gewähren lassen, im Vertrauen auf ihre zugrunde liegende Rationalität.
Diese Metapher des Schreibens, bei der die Hand über das Blatt gleitet und sich die Worte noch vor dem Gedanken von selbst offenbaren, ermöglicht es, diese alltägliche Erfahrung der Freiheit des Körpers zu verstehen: Sobald sich der gesamte Körper der Kontrolle des rein analytischen Denkens entzieht – das mir lediglich als eine von vielen Möglichkeiten erscheint, sich auf die Welt zu beziehen –, ohne dass man dabei von einem starren natürlichen Determinismus sprechen könnte, und er dieses analytische Verständnis durch seine Erfahrung und seine eigenen Empfindungen bereichert, befreit er sich und begibt sich freier auf die Begegnung mit dem weiten Feld der Möglichkeiten.
So eröffnen sich neue Wege jenseits der Konditionierung. Man kann sagen, dass wir dann eine „körperliche Vorstellungskraft“ erfahren, indem wir die bloße Aktualität des Sachverhalts hinterfragen zugunsten eines direkten Verständnisses der Körper in all ihren tatsächlichen Möglichkeiten. Gleichzeitig erkennen wir, dass das Zögern der Geste in ein und derselben Bewegung sowohl Zeugnis unserer Verletzlichkeit als auch unserer Freiheit ist: Beide neigen dazu, sich zu identifizieren. Ich bin verletzlich, weil ich mich frei fühle, und frei, weil ich mich verletzlich fühle.
So wie Verletzlichkeit und Freiheit in der körperlichen Vorstellungswelt eins zu sein scheinen, so ist unsere Wahrnehmung durch diese Erfahrung des handelnden Körpers nicht mehr dualistisch. Die ökologische Wahrnehmungstheorie von J. J. Gibbons ermöglicht es, unter dem Begriff der Affordanz zu verstehen, dass Wahrnehmen nicht nur Interpretieren ist, sondern auch das Auswählen von Informationen aus der Umgebung, die für das Handeln nützlich sind – etwas, das wir ganz natürlich tun, noch bevor wir darüber nachdenken. Dies setzt eine ständige Interaktion zwischen dem körperlichen Organismus und seiner Umgebung voraus, zugleich aber auch eine Abhängigkeit der Wahrnehmungsorgane von der Struktur dieser Umgebung: eine relationale Wirksamkeit.
Durch unsere Sinne und unsere Wahrnehmung verfügen wir also über eine Art natürliche körperliche Intelligenz, die mit ihrer Umgebung in Wechselwirkung steht und untrennbar mit ihr verbunden ist. Jeden Tag erlebe ich meine Abhängigkeit von der Sonne, deren Strahlen zur Erhaltung meiner psychischen Gesundheit beitragen, von der Nahrung, die ich zu mir nehme und die mir Kraft gibt, vom Wasser, das ich trinke und das mich mit Feuchtigkeit versorgt, oder auch von der Kleidung, die ich trage und die nicht selbst ästhetische und eminent soziale Objekte sind, mehr auch dazu beitragen, dass mir nicht kalt ist, und mir einen gewissen Komfort bieten: All dies hält meinen Körper am Leben, oder sollte ich besser sagen, hält mich am Leben. Dies zu sagen bedeutet für mich, meine Verletzlichkeit im ursprünglichen, biologischen Sinne des Lebend seins zu bekräftigen. Diese Verletzlichkeit, die die Wurzel der Fürsorge bildet, betrachte ich daher als eine eigentliche Bedingung des Lebens, eines überaus zerbrechlichen Phänomens.
Ich stelle jedoch fest, dass meine Umgebung, wenn ich durch die Straßen von Freiburg gehe, nicht nur aus Sonnenstrahlen, Pflanzen und Stein besteht: Für uns handelt es sich in erster Linie um eine zwischenmenschliche Umgebung. Wir bewegen uns darin nicht allein, sondern sind von den Spuren all der anderen durchdrungen, selbst in der Isolation. So wie die Umgebung sozial ist, sind es auch die Bedürfnisse. Die Befriedigung eines individuellen Bedürfnisses ist immer zugleich die Befriedigung eines Beziehungsbedürfnisses, denn kein Bedürfnis entsteht und wird in völliger Isolation befriedigt.
Individualität existiert nur in Beziehung: auch hier wieder die Abhängigkeit von anderen und die Verletzlichkeit. Unser psychisches Wohlbefinden selbst hängt weitgehe1nd von unserer Fähigkeit ab, positive Beziehungen zu pflegen, in denen gegenseitige Fürsorge im Mittelpunkt steht. Wie die Weltgesundheitsorganisation berichtet, stellt Isolation – also im radikalsten Sinne das Fehlen von gegenseitiger Hilfe und damit der Möglichkeit gegenseitiger Fürsorge – für die globale Gesundheit eine Geißel dar, die mit dem Tabakkonsum vergleichbar ist.
Wenn ich mich sowohl auf Gibbons’ Theorie als auch auf mein eigenes Beispiel der Hand stütze, sehen wir, dass wir – zumindest tendenziell – sowohl über eine körperliche Vorstellungskraft als auch über eine Beziehungsfähigkeit verfügen, die den Kern des Menschseins ausmachen und die wir alle weiterentwickeln können. Die körperliche Vorstellungskraft ermöglicht es uns, auf die Kraft unserer eigenen Körperlichkeit zu achten, die reich an Möglichkeiten ist, insbesondere an Möglichkeiten der Fürsorge. Während die Beziehungsfähigkeit die Tugend der Fürsorge ausmachen kann, also die tatsächliche Fähigkeit, andere und die Umwelt positiv zu beeinflussen.
Trotzdem oft vergessen wir diese Dimensionen des Körpers, hauptsächlich im Rahmen einer auf Produktivität ausgerichteten Arbeitsdisziplin, in einer Gesellschaft, die nicht nur kapitalistisch, sondern auch patriarchalisch, rassistisch und ableistisch ist und Körper als „Humanressource“ betrachtet, die auf eine „Arbeitskraft“ reduziert wird. Tatsächlich hält unsere Zeit weiterhin an einer trügerischen Trennung zwischen „gesunden“ und „ungesunden“ Körpern fest: das heißt zwischen „produktiven“ Körpern, die (nach kapitalistischen, patriarchalischen, ableistischen und rassistischen Kriterien) geschätzt werden, weil sie sich auf dem Arbeitsmarkt verkaufen lassen, und angeblich unproduktiven, abgewerteten Körpern.
Est ist doch gerade die einfachsten Beziehungen – sei es zu unserem Bäcker oder die Hilfe für einen Nachbarn in unserem Alltag – zeigen uns im Gegenteil, dass sich unsere Handlungsfähigkeit nicht auf die Fähigkeit beschränkt, Waren zu produzieren, sondern dass wir durch unsere Beziehungen leben. Diese Kraft wird weder durch andere eingeschränkt, noch richtet sie sich gegen andere, sondern vergrößert sich vielmehr durch gegenseitige Fürsorge, wie eine Steigerung der gemeinsamen Handlungsmacht. Mein Bäcker, um bei diesem Beispiel zu bleiben, versorgt mich mit Brot. Er ist nicht nur ein Wirtschaftsakteur, sondern der Mensch, der sicherlich Liebe in seine Arbeit steckt und meine Tage verschönert: es gibt eine qualitative und relationale Dimension der Tätigkeit.
Letztendlich glaube ich, dass es nicht in erster Linie Wirtschaftsakteure gibt, sondern soziale Gemeinschaften mit sozialen Bedürfnissen und einem intensiveren Potenzial an Freude, wobei diese Freude nur aus der relationalen Umwandlung jeglichen Hasses in Liebe entstehen kann, wie uns Spinoza gelehrt hat: Das heißt, von einer geringeren zu einer größeren Handlungsmacht. Ich verbinde damit Vorstellungskraft, Kreativität und die Fähigkeit, sich individuell und kollektiv in neue Möglichkeiten hineinzuversetzen.
Es handelt sich in der Tat um einen kollektiven Ansatz. Wenn ich genauer darüber nachdenke, wird mir klar, dass dieses Ziel allein unmöglich zu erreichen ist. Die Achtsamkeit gegenüber der Präsenz anderer und das Bemühen um die richtige Geste ermöglichen es uns, dies in uns selbst und in unserem eigenen Alltag zu pflegen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle in uns einen Körper tragen, der in der Lage ist, andere positiv zu beeinflussen und ihnen Kraft zu geben, und der auf die Erneuerung des Lebens in uns und in anderen ausgerichtet ist. Gleichzeitig tragen wir Verantwortung für die Umwelt, in der wir leben. Es scheint sogar, dass sich unser Leben ohne dieses Bewusstsein nicht entfalten könnte.
Ich bestehe daher darauf, Fürsorge nicht nur aus ethischer, sondern auch aus politischer und revolutionärer Perspektive zu betrachten, die auf den sozialen Wandel und die Veränderung jeder einzelnen Beziehung ausgerichtet ist, und ich freue mich, diesen Blog zu schreiben, um darüber nachzudenken, wie ich selbst mehr in diese Richtung tun kann (ich betrachte diesen Blog als eine Quelle der Freude).
Während ich all dies schreibe, komme ich mir etwas zu theoretisch vor: Ich habe viel zu sagen und bin mir meiner Verwirrung bewusst. Dennoch schreibe ich mit dem Gedanken an meine Freunde und Genossen in Frankreich. Wie oft hat uns schon die einfache Tatsache, uns zu sehen, gegenseitig vor Depressionen und Pessimismus bewahrt? Wie viel stärker sind wir gemeinsam: Ich betrachte das als Fürsorge, denn die gegenseitige Sorge wird nicht zum Mittel, sondern zum Ziel unseres Zusammenseins.
Ich höre hier auf und werde im Laufe der Woche die kaum skizzierten Ideen weiter ausführen, indem ich über meine Erfahrung der Kameradschaft und ihren zutiefst menschlichen Aspekt spreche. Dieser erste Entwurf hat es mir ermöglicht, zwei Konzepte der Vorstellungskraft und der Wirksamkeit zu entwickeln, die ich im Laufe des Schreibens wiederverwenden und präzisieren werde, wobei ich sie natürlich mit meinen Lektüren konfrontiere.
Laisser un commentaire